Wo steht Europa beim Quanten-Computing?

In den letzten Jahren gewann eine Technologiesparte immer mehr an Aufmerksamkeit sowohl von Vertretern diverser Wirtschaftsbranchen als auch vonseiten der Politik - das Quantum Computing.


Auch wenn das Quantum Computing eine noch relativ junge Technologie ist, so zeichnen sich doch bereits jetzt schon erste Vorreiter in diesem neuen Technologie-Bereich ab. Wie nicht anders zu erwarten, stehen bei der Risikokapital-Finanzierung in diesem Gebiet an erster Stelle die USA, gefolgt von Kanada und China. Das asiatische Wirtschaftsschwergewicht greift seinen sich auf diese Technologie spezialisierten Forschungseinrichtungen mit staatlicher Unterstützung unter die Arme.


Hier stellt man sich nun zurecht die Frage, ob und wie Europa hier Initiativen ergreift, um nicht den Anschluss zu verlieren. Diese Frage wird im späteren Verlauf noch beantwortet.


Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey aus dem Jahr 2020 werden in Zukunft insbesondere drei Wirtschaftssektoren aus der Quanten-Computing-Technologie Vorteile ziehen können: der Finanzsektor sowie die Pharma- und Chemieindustrie.


Gemein haben diese Branchen, dass ihnen bisher nur theoretische Möglichkeiten zur Berechnung verschiedenster Szenarien zur Verfügung stehen. Mithilfe der Quantentechnologie würden sich hier in Zukunft ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Ein paar Beispiele:


  • Im Finance-Bereich könnten Sicherheitsprotokolle durch neue quantenbasierte Verschlüsselungsmethoden obsolet werden;

  • Klinische Tests in der Pharma- und Chemieindustrie können durch Quantensimulationen komplett ersetzt und so enorm viel Zeit und Geld gespart werden.


Neben den eben genannten Branchen birgt diese Technologie sicherlich noch weiteres disruptives Potenzial, um auch andere Branchen und deren bisherige Prozesse gehörig aufzumischen.


Vor diesem Hintergrund zeigt sich der akute Handlungsbedarf bei der Europäischen Union zu diesem Thema immer deutlicher. Denn trotz anhaltender Corona-Krise und den damit einhergehenden Auswirkungen auf die gesamteuropäische Wirtschaft dürfen Politiker und Wirtschaftsvertreter nicht vergessen, dass viele der Branchen, in denen die Quantentechnologie massive Veränderungen herbei führen könnte, größtenteils in Europa ansässig sind. Quantum Computing ist somit ein für ganz Europa wichtiges Thema, dem künftig eine höhere, wenn nicht sogar die höchste Priorität bei Sitzungen auf EU- und nationaler Ebene beigemessen werden muss.


Auf deutscher Ebene hat die Bundesregierung bereits einen ersten Schritt unternommen und das sogenannte “Zukunftspaket” auf den Weg gebracht. Ein Ziel dieses etwa zwei Milliarden Euro schweren Pakets ist u.a. die Entwicklung und Produktion von Quantentechnologien im Hardware- sowie Software-Bereich gezielt zu unterstützen. Doch der Fokus dieses Pakets soll nicht nur auf der allgemeinen Forschung liegen; es sollen auch Unternehmensgründungen in diesem Gebiet finanziell gefördert werden. Ob diese Maßnahme allerdings nicht vielleicht schon zu spät greift und Europa den Anschluss an die USA und China schon verloren hat, ist unklar.


Im Quantentechnologie-Bereich verhindern noch immer zu viele unbekannte Variablen eine genaue Entwicklungs- und Wachstumsprognose. Schaut man sich beispielsweise die Private Equity-Investitionen in Quantum Computing-Firmen an, so stellt man fest, dass bislang nur etwa 10% dieser Firmen überhaupt marktreife Lösungen anbieten können. Von kommerzieller Marktreife ist diese Technologie also noch einiges entfernt. Wann jedoch mit einem kommerziellen Durchbruch zu rechnen ist, kann nur schwerlich vorhergesagt werden.


Nichtsdestotrotz unterstützen die USA und China den Durchbruch dieser Technologie, indem sie große Exzellenzzentren anlegen, die die Quanten-Technologie auf eine neue Ebene bringen sollen. Währenddessen gibt es in Europa viele kleinere, über den ganzen Kontinent verteilte Forschungszentren.


Doch Europa legt mittlerweile nach - und zwar mit “Quantum Flagship”, dem größten europäischen Projekt auf dem Gebiet der Quanten-Technologie, das für die kommenden zehn Jahre über ein Förderbudget von rund einer Milliarden Euro verfügt.


Nichtsdestotrotz löst dieses Projekt Europas größtes Problem nicht: die vorhandene exzellente Grundlagenforschung mit industriellen und kommerziellen Use Cases sinnvoll zu verknüpfen. Europa verfügt über alle notwendigen Voraussetzungen um das Quanten-Computing zu erforschen und seine Vorteile für sich nutzbar zu machen: Kein Kontinent bringt jedes Jahr mehr Absolventen im Bereich der Physik und in anderen artverwandten Bereiche mit Doktortitel hervor als Europa.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Grundlagen gegeben und genau hier gilt es anzusetzen - bei den Absolventen. Je früher Europa die Notwendigkeit erkennt, bei diesem Thema nachzulegen, umso eher können wir einerseits die Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie für unsere Wirtschaft nutzen und verhindern andererseits so, dass Wirtschaftsmächte wie die USA und China dieses Technologiegebiet allein maßgebend beeinflussen.


Initiativen wie das Zukunftspaket der Bundesregierung sind ein erster, aber wichtiger Schritt dafür und sollten nicht die einzigen sein.


Quelle: McKinsey analysis
Quelle: McKinsey analysis

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